24. Juni 2026
Das zweite Erwachsenwerden
Irgendwann zwischen vierzig und sechzig fällt eine Rolle nach der anderen ab. Was bleibt, ist nicht weniger – es ist genauer.
Es gibt einen Moment, der selten in einem Kalender steht. Niemand schickt eine Einladung dazu, und doch erscheinen die meisten Frauen pünktlich. Es ist der Moment, in dem die Rollen, die man jahrzehntelang getragen hat – die Tochter, die Mutter, die Verlässliche, die Funktionierende – plötzlich nicht mehr ganz passen. Sie sind nicht falsch. Sie sind nur zu eng geworden.
Wir sprechen oft von der Pubertät als der Zeit, in der ein Mensch sich neu zusammensetzt. Über die zweite große Häutung, die irgendwann in der Lebensmitte beginnt, schweigen wir lieber. Dabei ist sie in mancher Hinsicht die ehrlichere. Mit fünfzehn will man jemand werden. Mit fünfzig darf man endlich aufhören, jemand werden zu wollen.
Das Erstaunliche ist nicht, dass die alten Rollen abfallen. Das Erstaunliche ist, wie wenig darunter verloren geht. Was bleibt, ist nicht weniger als vorher – es ist genauer. Klarer in den Konturen, weicher im Urteil. Man fragt nicht mehr, ob man genügt. Man fragt, was einem entspricht.
Ich nenne das nicht Selbstfindung. Das Wort klingt, als läge irgendwo ein fertiges Selbst herum, das man nur aufheben müsste. Es ist eher ein Selbstverständnis: das ruhige Wissen, wer man ist, wenn niemand etwas von einem will. Dieses Wissen kommt nicht über Nacht. Aber es kommt – meistens zu denen, die sich trauen, die Frage offen zu halten.
Wenn du das Gefühl hast, dass wir gemeinsam auf deine Situation schauen sollten, findest du hier mehr über meine persönliche Begleitung.